Flugziele/Aviosuperfici
Aviosuperfici

Wenn man einen Blick z.B. auf die ICAO-Karten oder auch Jeppesen MFDVFR wirft, kann man den Eindruck gewinnen, die Flugplatzdichte in Italien ließe eher zu wünschen übrig. Tatsächlich ist sie aber, zumindest im Norden, in der Mitte und auch in Teilen des Südens, hervorragend. Schließlich sind in den Karten (und in der AIP) bei weitem nicht alle Landeplätze verzeichnet...

Schon seit vielen Jahren gibt es neben den offiziellen, von der Luftfahrtbehörde ENAC überwachten „Aeroporti“ (an welche relativ hohe operationelle und bürokratische Anforderungen gestellt werden) in Hinblick auf die private „Leichtfliegerei“ zwei weitere Kategorien von Landeplätzen; zum einen die so genannten "Aviosuperfici" und zum zweiten die so genannten "Campi di volo" (beides bedeutet übersetzt ungefähr soviel wie „Flugfeld“). Diese bringen - ganz untypisch für Italien – äußerst wenig Bürokratie und laufende Kosten mit sich (z.B. in der Regel keine Feuerwehrbereitschaft), was sie bei den Betreibern und Benutzern aus der "kleinen GA" sehr populär gemacht hat, mit der Folge, dass sich diese beiden Landeplatztypen in den letzten Jahrzehnten sehr stark verbreitet haben und dies auch weiterhin tun. An diesen Plätzen findet man noch enthusiastische Sportpiloten und Schrauber und puren Spaß am Fliegen, aber genauso durchaus auch kleinere Geschäftsreiseflugzeuge. Auch der einzige Flugplatz in der Republik San Marino ist ein Aviosuperficie!

Der wesentliche Unterschied zwischen Aviosuperfici und Campi di volo: Erstere sind sowohl für klassische Motorflugzeuge („Aeromobili certificati“) als auch ULs („Ultraleggeri“ bzw. spezifisch; "Apparecchi VDS") zugelassen; zweitere ausschließlich für ULs. Aus diesem Grunde werden im Folgenden zunächst die „Aviosuperfici“ behandelt. Mehr zu den "Campi di volo" erfahren Sie im Abschnitt „UL-Fliegen in Italien“.

Die meisten Aviosuperfici haben Graspisten, allerdings zumindest immer weiße Pistenreiter und einen Windsack, denn das ist Vorraussetzung für die Genehmigung eines Aviosuperficie. Einige Aviosuperfici haben allerdings eher kurze Pisten, (teilweise nur 300-500 Meter) und sind daher mit vielen klassischen Motorflugzeugen effektiv kaum sicher nutzbar. Diese haben dann auch meist kaum eine Infrastruktur, oft nicht mal eine Halle, ein Büro oder ein Telefon. Viele andere aber sind wiederum gut ausgebaut, d.h. mit zum Teil sehr gepflegten Pisten (auch deutlich länger als 500 Meter), Hangars, Tankstellen, Flugschulen, Bars, Restaurants, Werkstätten, Hotels, usw. Bei solchen ist der Unterschied zu einem kleinen „Aeroporto“ kaum mehr erkennbar (mal abgesehen von der Unkompliziertheit des Fliegens und der angenehmen Tatsache, dass die allermeisten keinerlei Landegebühren verlangen). Und außerdem noch: die Aviosuperfici sind nicht in der AIP Italia enthalten und es werden für diese auch keine NOTAMs herausgeben; dazu unten mehr.

Die meisten Aviosuperfici sind oft gar nicht mit Personal besetzt, d.h. es ist unter Umständen (auch nachdem man sich vorab telefonisch zur Landung angemeldet hat) niemand vor Ort. Selbst wenn jemand vor Ort ist, bedient oftmals niemand den Funk, sprich es werden lediglich Blindsendungen abgesetzt (siehe als Anleitung hierfür den Abschnitt "Flugfunk auf Italienisch" unter der Rubrik "Flugdurchführung"). Die Frequenz lautet - falls nicht anders veröffentlicht - 130,0 MHz.

Nochmal ganz deutlich: Die Benutzung des Funkgeräts (oder gar nur ein solches zu haben) ist bei Aviosuperfici und Campi di volo nicht vorgeschrieben. Bei An- und Abflug ist daher stets mit nicht funkenden ULs zu rechnen! Augen auf!!!

Die Aviosuperfici haben überwiegend keinen ICAO-Code, wobei speziell in letzter Zeit immer mehr davon nun doch einen erhalten. Bei jenen ohne Code muss man in Flugplänen stets "ZZZZ" angeben und dann in Feld 18 "RMK/DEP: [Flugplatzname]" bzw. "RMK/DEST: [Flugplatzname]" eintragen.

Dadurch dass viele Aviosuperfici jetzt auch ICAO-Codes haben, lässt sich beim Blick in den Jeppesen oder in Skydemon gar nicht mehr auf den ersten Blick erkennen, ob es sich um einen "Aeroporto" oder um ein "Aviosuperficie" handelt. Klarheit verschafft meist nur ein Blick in die AIP, denn dort sind ausschließlich die Aeroporti enthalten.

Die Benutzung der Aviosuperfici ist durch ein spezielles Gesetz (Decreto 1 febbraio 2006) geregelt. Wer Spaß an Amtsitalienisch hat, kann den kompletten Text an verschiedenen Stellen im Internet finden.

Zusammengefasst enthält das Gesetz für Piloten nicht viel Relevantes, außer diesem:

Grundsätzlich erstmal sind Aviosuperfici für alle Flächenflugzeuge bis maximal 5,7 Tonnen MTOW zugelassen. Es dürfen allerdings nur solche Piloten Aviosuperfici benutzen, die:

  1. eine gültige Pilotenlizenz besitzen (da schau’ her!)
  2. bereits mindestens 5 Starts und Landungen auf Aviosuperfici absolviert haben
  3. innerhalb der letzten 90 Tage mindestens 5 Starts und Landungen (egal auf was für einem Flugplatz) absolviert haben

Kommentar hierzu: Während die Punkte a) und c) unproblematisch sein sollten, bleibt Punkt b) unverständlich. Gemeint ist wohl, dass man 5 Starts und Landungen mit einem qualifizierten Lehrer absolviert haben muss, bevor man selbst als PIC dort operieren darf. Dem zu entsprechen dürfte Gastpiloten schwierig fallen. Meines Erachtens ist dieser Punkt aber auch für ausländische Piloten kaum anwendbar, die sie keine Möglichkeit haben, sich über diese Bedingung zu informieren. Schließlich sind einige Aviosuperfici auch im Jeppesen VFR-Manual enthalten, ohne dass dort ein derartiger Hinweis enthalten ist. Auch die AIP enthält nichts, da diese ja gar überhaupt kein Wort über die Aviosuperfici verliert. Sich mit dem italienischen Gesetzeswald auszukennen, ist wohl für Ausländer kaum realistisch. Daher sollte man sich über diesen Punkt nicht allzu viele Gedanken machen. Man landet ja ohnehin letztlich immer nach eigenem Ermessen und auf eigene Gefahr.

Es sollte allerdings selbstverständlich sein, dass man als seriöser Pilot Profi genug sein sollte, sein Flugzeug perfekt zu beherrschen, fit in Präzisionslandungen auf kürzeren Grasbahnen zu sein, und überhaupt alle relevanten Faktoren wie Weight & Balance, Wind, Temperatur und Geländebeschaffenheit vorsichtig zu berücksichtigen. Darüber hinaus ist es (trotz eventueller Sprachbarrieren) unerläßlich, sich vor dem Flug bei dem Betreiber des Platzes über Pistenzustand, effektive Pistenlänge sowie andere Aktualitäten zu informieren. Um es klar zu sagen: Das Starten und Landen auf Aviosuperfici findet komplett und ausschließlich auf Verantwortung des Piloten statt! Wenn Sie bei einer Landung einen Überschlag machen, weil, wie sich herausstellt, die Piste in miesem Zustand war, haben Sie danach keinerlei Chance, gegen den Betreiber vorzugehen. Daher ist zumindest immer ein tiefer Überflug der Piste ratsam.

Was es noch zu den Aviosuperfici zu wissen gilt:

Folgenden Nachteil haben die "Aviosuperfici" für den nicht italienisch sprechenden Besucher: An diesen kleinen, meist von Privatpersonen oder kleinen Flugvereinigungen betriebenen Plätzen kommt es naturgemäß häufig vor, dass absolut kein Mensch Englisch spricht. Dies erschwert unter Umständen sowohl die Kontaktaufnahme vorab, als auch die Verständigung vor Ort. Meistens kommt man aber mit einer Mischung aus Deutsch, Italienisch und Englisch letztlich irgendwie klar und sollte diese kleinen Sprachbarrieren keinesfalls zum Grund nehmen, vor diesen Plätzen zurückzuschrecken.

Und: In den meisten Fällen ist es zwecklos, solche kleinen Plätze (und deren private Betreiber) per e-mail vorab für Informationen zu kontaktieren, da diese meist nicht beantwortet werden. Das ist keine Bosheit, sondern liegt meist darin begründet, dass viele Plätze bzw. Flugvereinigungen zwar eine email-Adresse haben, diese aber gar nicht regelmäßig überwachen. Desweiteren tun sich viele Leute in Italien wie gesagt mit dem Englischen schwer, und zwar mit dem Geschriebenen noch mehr als dem Gesprochenen. Zuguterletzt liegt es ganz einfach auch ein bisschen in der Mentalität der Italiener, dass einfach sehr viel über den persönlichen Kontakt (Telefon!) läuft. Hat man diesen erstmal hergestellt und ist "auf einer Wellenlänge", öffnen sich die allermeisten Türen wie von selbst. E-mail (und auch Fax) hingegen gelten als unpersönlich und vor allem unverbindlich. Also: Trotz Sprachschwierigkeiten sollte man stets zum Hörer greifen. Wie gesagt: Die Italiener sind fast ausnahmlos ganz außerordentlich nette, disponible Leute.

Einige Aviosuperfici liegen innerhalb einer bis zum Boden reichenden CTR. Beispiele sind Ragusa (innerhalb der Catania CTR), San Marino (innerhalb der Romagna CTR) und Lonato (innerhalb der Verona CTR). Dies ist aber gar kein großes Problem. In diesen Fällen muss (beim Anflug) rechtzeitig vor Einflug in die CTR zwecks Freigabe Kontakt mit der zuständigen Anflugkontrollstelle hergestellt werden, mit dem Hinweis, man wolle auf dem Aviosuperficie xy landen (die Controller kennen in der Regel alle innerhalb "ihrer" CTR liegenden Plätze). Kurz vor Erreichen des Platzes meldet man sich dann ab, mit dem Verweis, man werde auf die lokale Platzfrequenz wechseln. Beim Abflug sollte man - noch mal Boden - einmal probieren, ob man schon dort Kontakt zu der Anflugkontrollestelle herstellen kann. Dies gelingt - wohlgemerkt mit offenem Squelch - in vielen Fällen. Man kann dann in aller Ruhe erklären, wo man ist, dass man in Kürze starten wird und in welche Richtung man aus der CTR ausfliegen möchte. Ist es nicht möglich, Kontakt herzustellen, empfiehlt es sich, unmittelbar nach dem Start zunächst kurz über dem Platz in geringer Höhe zu kreisen, bis man sich mit Approach verständigt hat.

Die meisten Aviosuperfici sind leider in den Jeppesen-Datenbanken gar nicht enthalten. In der AIP sind überhaupt keine Aviosuperfici enthalten. Aber wie kommt man an detaillierte Informationen zu diesen Aviosuperfici? Nun, zum einen sind zumindest die wesentlichen Daten dieser Plätze auf der Website der italienischen Luftfahrtbehörde ENAC veröffentlicht, und zwar hier.

Möchte man noch komplettere Informationen und z.B. Lagepläne und Anflugfotos haben, hilft vor allem der "Avioportolano" bzw. "Aerotouring Flight Guide Italy" weiter (siehe dazu das separate Kapitel "Avioportolano").

Alternativ kann man sich auch mittels der Datenbank ulm.it Informationen besorgen (im obersten Feld die Region auswählen und dann auf "Invia" klicken). Allerdings sind sie Infos meist etwas weniger aktuell als beim Avioportolano.

Zuguterletzt bleibt zu bedenken: bei den Aviosuperfici in Italien gibt es sehr viel mehr Dynamik als bei den Aeroporti. Das heißt: jedes Jahr eröffnen ein paar neu, es schließen aber jedes Jahr auch ein paar. Auch die Infos auf dieser Website, welches sich auf die einzelnen Aviosuperfici beziehen, können deshalb sehr schnell einmal veralten (auch wenn ich mich bemühe, alles "aktuell" zu halten). Daher: wenn Sie einen Flug zu einem Aviosuperficie planen, gleich erst mal den aktuellen Status prüfen, bevor weitere Planungen vollzogen werden.


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